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20.000 Popsingles in einem Zimmer!

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Das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg, das demnächst ein selbständiges Institut der Freiburger Universität wird, hütet einen Schatz. Es sind 20.000 Popsingles von den 1950er Jahren beginnend bis zum Ende der Singleszeit um 1990. Franz-Karl Opitz hat das Archiv besucht, diese einzigartige Sammlung angeschaut und mit dem Institutleiter, Dr. Michael Fischer gesprochen.

Ich stehe in einem Raum, dessen Regale angefüllt mit zeitgenössischen Sammelalben für Singles sind, von denen ich selber noch 3 Stück besitze. Hier sind gut tausend aufbewahrt – natürlich nicht leer. In jedem Album befinden sich, sorgfältig nach Namen der Interpreten geordnet, 20.000 Singles, diese Scheiben aus Vinyl, 18 cm groß und mit 45 RPM abzuspielen.

Dr. Michael Fischer erklärt mir, dass es sich um eine Privatsammlung handelte, wobei er einschränkt, dass Jörn Stubbmann aus Preetz in Schleswig-Holstein, nicht systematisch gesammelt, sondern sich immer die neuen Singles gekauft habe, die ihm gefielen. Außerdem habe er sich mit Leidenschaft auf Flohmärkten umgesehen. Zu Anfang hat er 6,- Mark, dann noch 4,50 für eine neue Single bezahlt, die er dann in seiner eigenen Wurlitzer-Jukebox zu Hause abgespielt hat. 88 Singles fasste die Jukebox und mit seiner Musik hat er manche Fete verschönt. Mit zunehmendem Alter überlegte Jörn Stubbmann dann, dass er sich von seiner Sammlung trennen würde, wenn er jemand fände, der sie komplett übernimmt.

Hier kam das Freiburg Institut ins Spiel. Seit 1914 werden hier Volksmusik und populäre Musik gesammelt, nicht nur auf Tonträgern, sondern auch die sogenannte Sheet Musik, aus den Zeiten, als Musik noch selber gemacht werden musste. Dr. Fischer erklärt, dass man die Sammlung gekauft habe, weil sie ein Stück Musik-, aber vor allem auch Kulturgeschichte darstelle. „Diese Platten dokumentieren, welche Musik von welchen Leuten gekauft wurde und wir hoffen, dass hierzu wissenschaftlich gearbeitet werden wird.“

Vom Schlager der 1940er und 50er Jahre bis zur Popmusik um 1990 ist fast jeder deutsche Interpret vertreten. Ich öffne einige Alben – Roland Kaiser in jungen Jahren lacht mich an. Den ebenfalls lachenden Vagabund Fred Bertelsmann in seiner erfolgreichsten Zeit und jede Menge Peter Alexander-Singles entdecke ich. Da ist Nena in ganz jungen Jahren mit „99 Luftballons“ oder in Turnbekleidung auf dem Umschlag von „Irgendwo irgendwie irgendwann“. Gus Backus und sein „No Bier, no Wein, no Schnaps“ und „Das Lied vom Angeln“ sind Teil einer kompletten Singlesammlung seiner Hits.

20.000 Singles

Auch vertreten ist Ted Herold, der um 1960 der große Rivale von Peter Kraus als deutscher Rockstar war. Dr. Fischer zeigt mir drei Alben mit sämtlichen Singles von Roberto Blanco und fügt lächelnd hinzu, dass es ja Leute gäbe, die bezweifeln, dass man so viele Singles von Roberto brauche. Doch es ist nicht nur der deutsche Schlager vertreten, auch die englischsprachige Popmusik hat Jörn Stubbmann gefallen. Viele Abba-Singles, Louis Armstrong und alle jemals von den Beatles in Deutschland auf Odeon veröffentlichten 45er können einen richtig neidisch machen. Die Songs der englischen Gruppen wie Manfred Mann, Animals, Searchers hat er sich gekauft, Rod Stewart, Shaun Cassady, mit seiner Coveraufnahme von „Da Doo Ron Ron“ und so weiter und so weiter. Ich bin sicher, dass man mit den Singles die deutschen und englischen Top-Ten-Hits der 60, 70 und 80er Jahre komplett anhören kann.

Beim weiteren Blättern entdecke ich einige Singles der deutschen Countrygruppe Western Union, zum Beispiel „Auf der Autobahn“, aber von Johnny Cash kann ich nichts finden. Was ihm wohl auch weniger gefiel, weil wenig vorhanden, war Hardrock oder Metal der 70er und 80er Jahre, obwohl wir Singles von Led Zeppelin finden. Das Institut hat noch keine vollständige Übersicht über die Titel anfertigen können, aber Dr. Fischer hofft, dass dies in absehbarer Zeit möglich sein wird. Er macht mich noch darauf aufmerksam, dass die Sammlung als Randgebiet auch noch Operette von Jaques Offenbach oder Smetana und sogar klassisches Liedgut enthält, Lieder von Schubert.

Und dann sind da noch die Plattenhüllen, die im vordigitalen Zeitalter oft liebevoll gestaltet waren. Es wird immer schwieriger, die Originale zu finden und Dr. Fischer weiß, welchen Schatz er hier hütet. Das gilt auch für die hübschen Single-Alben, die man gelegentlich auf Flohmärkten teuer kaufen kann. Und in der ganzen Sammlung ist tatsächlich keine einzige LP zu finden! Klar, die passte ja nicht in die Wurlitzer!

Im Prinzip, sagt Dr.Fischer, sei die Sammlung zugänglich und er hofft, dass es dazu auch Forschungen geben wird. So wird das Institut eine Tagung durchführen, die untersuchen soll, wie die amerikanische Popmusik im Nachkriegsdeutschland in den 1950er und 60er Jahren rezipiert wurde.

Ich verabschiede mich im Bewusstsein, dass ich in der vergangenen Stunde eine Sammlung angeschaut habe, die wahrscheinlich einzigartig ist, zumindest in Deutschland.

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